001 (1888): Roundhay Garden Scene, entstanden und aufgeführt 1888 in England, Regie: Louis Aimé Augustin Le Prince

Sie wollen wissen, wie alles begann? Wie es sich fügte, wo und wann? Und wer er denn nun war, der Vorgänger von Godard?

Es war NATÜRLICH der Franzos, der das Kino begründete und die ersten noch erhaltenen bewegten Bilder mittels einer einzigen Filmkamera schuf. Louis Aimé Augustin Le Prince, so sein prachtvoller Name, war Chemiker und kannte sich bereits recht gut aus mit Fotographie an sich und im Allgemeinen. Das Statische allerdings war ihm nicht genug, er wollte Schwung in die Sache bringen. Und er wollte es anders als die Anderen, die damals für Bewegungsstudien mit Serienbelichtung[1] oder Serienaufnahmen arbeiteten, um z.B. zu beweisen, dass sich bei einem Pferd im Galopp zeitweise alle vier Beine gleichzeitig in der Luft befinden oder, viel wichtiger: wie eine nackte Frau denn nun genau eine Treppe hinunterläuft[2]. Er wollte nicht jedes Bild mit einzelnen Kameras aufnehmen, die entlang einer Szene platziert werden mussten und recht kompliziert zu bedienen waren (im Falle der Galoppserie z.B. mittels 24 entlang der Rennbahn aufgespannten Kontaktdrähten, die durch die reinlaufenden Pferde jeweils die entsprechenden Kameras auslösten), Le Prince wollte ein Ding für alles. So werkelte er also ab 1886 fleißigst an einer recht komplizierten Maschine, mit der es zunächst unter Nutzung des 1884 von George Eastman erfundenen 60mm-Papierrollfilms[3] gelingen sollte, bewegte Bilder einzufangen und diese mittels eines ebenfalls von Le Prince konstruierten Projektors auf eine Leinwand zu bringen. Zwei Jahre später meldete er sich kurz vor der Konkurrenz mit dem „Apparatus for Producing Animated Pictures” und dem „Apparatus for the Projection of Animated Pictures” erfolgreich beim Mann vom Patentamt[4]. Seitdem war die Normalo-Kamera sozusagen offiziell dynamisch gepimped, das war die gute Nachricht. Die schlechte: Der Weg war frei für Florian Henkel von Donnersmark.

Bevor ein anständiger Erfinder jedoch zum Patentamt marschiert, was macht er da? Genau, er testet das Erfundene. Nichts also, wie auf in Schwiegervaters Garten in Leeds (wo Le Prince zu dieser Zeit wohnte), dort die Schwiegereltern, den eigenen Sohn und eine Freundin der Familie erfolgreich beim Ringelpiez abgefilmt und das Ergebnis öffentlich in einer Fabrik vorgeführt[4]. Zum Transport des Films bei der Projektion nutzte er bereits die Perforation, in diesem speziellen Fall Messingösen, die sich auf die Stifte einer Spule setzten[5]. Es wäre übertrieben, den ersten Film der Welt[5] als ausuferndes Epos, dramaturgisch ausgeklügeltes Melodrama oder gar heißen Shit zu bezeichnen. Vielmehr ist er ein knapp zwei Sekunden dauernder, aus 20 Einzelbildern bestehender dokumentarischer Spaßstreifen (mit einer hervorragend gewählten Kamerapositionierung bzw. Kadrierung), in dem sich die vier Beteiligten auf dem Rasen vor einer großen viktorianischen Villa entweder um die eigene Achse oder um die anderen herum drehen – die betagte Schwiegermutter erinnert in ihrer beispiellosen Höllenperformance frappierend an einen hospitalisierten Bären im Zoo. Da die arme Frau am 24. Oktober 1888 vergleichsweise unspaßig das Zeitliche segnete  – womöglich hat sie sich nie wieder von den Strapazen des Drehs erholt – ist gesichert, dass der Film zuvor entstanden ist, nach Aussagen von Le Prince’s Sohn zehn Tage zuvor[4]. Unser aller Idol – der einzige Filmemacher des Jahres -drehte noch zwei weitere, insgesamt fünf Sekunden dauernde Filmchen im selben Jahr[6] und das war‘s dann auch[7]. 1890 ist er auf mysteriöse Weise verschollen[8]. Sein Sohn wiederum wurde 1902 in New York erschossen, kurz nachdem er bei einem Patentstreit vor Gericht ausgesagt hatte, einem Streit übrigens, den Businessman Thomas Alva Edison gewann, der zumindest in den USA seitdem als alleiniger Erfinder der bewegten Bilder gehandelt wird[9]. Edison hielt 1.093 Patente, darunter das auf den elektrischen Stuhl[10].

Der Film ist leicht und legal im Netz zu betrachten, auf DVD oder irgendeinem anderem Medium ist er meines Wissens nicht erschienen. Googeln Sie ihn namentlich und lassen Sie sich die Videoergebnisse anzeigen, that’s it. Seien Sie jedoch konzentriert, und wenden Sie Ihren Blick nicht vom Bildschirm ab, sonst könnten Sie ihn verpassen, den wichtigsten Film der Welt (für ein optionales Überraschungsei suchen Sie nach der Sichtung doch mal nach Roundhay Garden Scene – Director’s Cut). Sie wollen auch noch die nackte Frau, ähh das Pferd galoppieren sehen? Googeln Sie „Muybridge“ oder besorgen Sie sich auf Amazon.com The Movies Begin, ein gehaltvolles bei Kino Video erschienenes DVD-Box-Set (NTSC, RC1), das eine sehr sehenswerte Hommage an Eadweard Muybridge enthält.


[1] Dagognet, F. (1987). Etienne-Jules Marey. La passion de la trace. Paris: Hazan.

[2] Muybridge, E. (1887). Animal Locomotion: An Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movements. Philadelphia: J.B. Lippincott company.

[3] Brayer, E. (1996). George Eastman: A Biography. Baltimore: The Johns Hopkins University Press.

[4] Scott, E. K. (August 1923). The Pioneer Work of Le Prince in Kinematography. The Photographic Journal, S. 373-378.

[5] Robertson, P. (1993). Das neue Guinness Buch Film. Berlin: Ullstein Hc.

[6] IMDb.com Inc. (1990-2011a). The Internet Movie Database – 1888. Abgerufen am 25. Februar 2011 von http://www.imdb.com/year/1888

[7] IMDb.com Inc. (1990-2011b). The Internet Movie Database – Louis Aimé Augustin Le Prince (1842–1890). Abgerufen am 25. Februar 2011 von http://www.imdb.com/name/nm1284117/

[8] Rawlence, C. (1990). The Missing Reel: The Untold Story of the Lost Inventor of Moving Pictures. New York: Atheneum.

[9] Burns, P. (2010). The History of The Discovery of Cinematography: Chapter Thirteen (1885 – 1889). Abgerufen am 28. Januar 2011 von http://www.precinemahistory.net/1885.htm

[10] Roosen, P. P., & Nakagawa, T. (2008). Overcoming Inventoritis: The Silent Killer of Innovation. Cupertino: Happy About.

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